Wild im Hochwasser
Land unter
Fast 14 Tage lang waren zur Jahreswende Teile Niedersachsens überflutet. Was mit dem Wild passierte, fand keine Beachtung. Das soll sich jetzt ändern. Markus Hölzel
Bild: HR Achim/mh
Dies bestätigte eine Anfrage von WILD UND HUND beim zuständigen Niedersächsischen Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz (NLBK). So sei in dem Zeitraum des Hochwassers von Ende Dezember 2023 bis Mitte Januar 2024 von keiner Gebietskörperschaft der Katastrophenfall ausgerufen worden. Lediglich 8 Gebietskörperschaften hätten als Vorstufe ein „außergewöhnliches Ereignis“ festgestellt. Davon unabhängig sei „der Wildtierschutz vor Bedrohungen nicht Aufgabe des NLBK“. Und weiter: „Entsprechend gibt es keinen gesetzlichen oder übergeordneten Auftrag an das NLBK, Planungen für einen Wildtierschutz oder die Rettung von Wildtieren aus einer Notlage im Fall einer Katastrophe sowie den dazugehörigen Vorstufen durchzuführen oder fachaufsichtlich zu begleiten. Die Verhängung von Betretungsverboten betroffener Bereiche, um Wildtieren Ruhephasen, Schutz vor einem Kontakt mit Menschen zu bieten sowie den Wechsel in nicht überflutete Gebiete zu ermöglichen, liegen im Ermessen und im Aufgabenbereich der jeweils betroffenen Städte und Kommunen“, erklärte das Amt.
Und laut des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums, das ergänzend auf die Anfrage von WuH antwortete, „liegt die Thematik im Rahmen von Hege und Pflege nach dem Jagdgesetz bei den örtlichen Jagdausübungsberechtigten und den Kreisjägermeistern, die über die örtliche Situation am besten informiert sind. Eine spezielle Vorschrift wie bei der Notzeit gibt es allerdings nicht.“
Das Ministerium verweist ergänzend auf die Notzeitenregelung gemäß § 32 Abs. 1 Landesjagdgesetz, wonach „für eine ausreichende Ernährung zu sorgen ist, wenn das Wild Not leidet“. Tatsächlich wurde am 28. Dezember für die Region Hannover eine Notzeit vom zuständigen Kreisjägermeister Paul-Eric Stolle ausgerufen, allerdings begrenzt auf die Reviere, die vom Hochwasser betroffen waren. Zwar bezieht sich der „Notzeit-Paragraph“ primär auf die Fütterung, doch ging es dabei auch um das damit zusammenhängende Jagdverbot und um eine bessere Handhabe gegenüber Spaziergängern und Hundehaltern in den teilweise extrem dicht besiedelten Hochwassergebieten. Für Irritationen mit negativem Echo in der Lokalpresse sorgte dann die enge Auslegung der Beschränkungen durch Reviere in der Region, in denen trotzdem mit mehreren Jägern gejagt wurde. Dies war der Bevölkerung nicht zu vermitteln. Die Notzeit galt bis Mitte Januar.
Vielen Rehen, Hasen, Füchsen, Dachsen und anderen Tieren zwischen Hannover und Bremen hat das nicht mehr geholfen: Allein in der Wesermarsch bei Achim sind mehr als 150 ertrunkene Rehe gefunden worden – Dunkelziffer unbekannt. Die örtlichen Jagdpächter rechnen mit einem Totalausfall und befürchten, dass es mehrere Jahre dauern wird, bis sich der Wildbestand erholt hat. Die Kreisjägerschaft Verden will sich nun dafür einsetzen, dass bei ähnlichen Hochwasserlagen abhängig vom Wasserstand künftig zügig ein Betretungsverbot für bestimmte Rückzugsbereiche an Deichen und Straßen verhängt und ein Zuwiderhandeln strafbewehrt wird. „Das werden wir in den Hegeringen mit den zuständigen Stellen in den Kommunen und Feuerwehren angehen. Klappt das nicht, gehen wir eine Ebene höher“, erklärt Vorsitzender Jürgen Luttmann. Die Landesjägerschaft Niedersachsen sieht v. a. die Behörden in der Pflicht: Eine „deutlich intensivere und schnellere Sensibilisierung der Bevölkerung in Teilen auch mit Besucherlenkung“ scheine „dringend vonnöten“ zu sein und werde „von unseren betroffenen Jägerschaften in den politischen Dialog vor Ort auf kommunaler Ebene eingebracht“, erklärte ein LJN-Sprecher. Angelaufen ist das bereits: In Achim ist ein Treffen zwischen Verantwortlichen des Hegerings, des Bauhofs und der Unteren Jagdbehörde schon geplant. Das ist offensichtlich auch notwendig, denn das nächste Hochwasser kommt mit Sicherheit. Auch für das aktuelle Frühjahr kann noch keine Entwarnung gegeben werden, denn zwischenzeitlich stiegen die Pegel erneut.
Autor: Markus Hölzel