Praxis
So ticken Hechte im Lachsrevier
Der Flussoberlauf wird häufig nur den Salmoniden zugeschrieben, dabei gibt es dort auch Hechte oft sogar recht große. Von Birger Domeyer

Bild: Bastian Gierth
Extra für diese Folge sind wir an meinen Heimatfluss gefahren, die Treene, und haben dort im Oberlauf auf Hecht gefischt. Das ist für mich kein richtig gewagtes Experiment, denn ich habe dort schon einmal gezielt auf Hecht geangelt. Vor einigen Jahren im Winter, es müsste um Weihnachten gewesen sein, hatte ich genug von Kaffeekränzchen und Kuchen und musste raus. Ans Wasser, Wetter egal. Und wen könnte man dafür schneller begeistern als Jörg Ovens? Ich wüsste niemanden. Also standen wir eine Stunde später am Oberlauf der Treene, weil der starke Wind dort ein Fischen wenigs-tens einigermaßen zuließ. Jörg kannte die Strecke und sagte gleich, dass ich es in der Innenkurve versuchen sollte. „Da stehen Hechte, auch wenn es sehr flach ist, glaub mir“, waren seine Worte. Und er hatte recht. Obwohl die Temperaturen auch noch unter den Gefrierpunkt sanken und meine Fliegenschnur im Schnurkorb laufend festfror, fing ich zwei Hechte, einer davon mit etwas über 80 Zentimetern Länge durchaus sehenswert.
Das könnte ein interessanter Film werden, also sind wir erneut hingefahren, dieses Mal im Mai. Da das Frühjahr recht kalt war, sind die Wasserpflanzen noch nicht besonders stark gewachsen, und ein Fischen mit Kunstködern ist gut möglich. Außerdem wandern auch Hechte zum Laichen tendenziell etwas stromauf, also warum sollte es jetzt, so kurz nach dem Laichgeschäft, schlechter sein als im Winter?

Innenkurven und Pflanzen
Natürlich habe ich schnell einen Blick auf die Spots geworfen, an denen ich im Winter gefangen hatte. Jetzt im Mai sieht man auch, warum dort gerne Hechte stehen: Es sind Bereiche, die stark bewachsen, flach und sehr strömungsberuhigt sind. Letzteres scheint die größte Rolle zu spielen, denn Hechte sind recht faul, wenn Sie mich fragen. Was für den Angler ein echter Vorteil ist, denn die Standplätze sind oft schon mit dem Auge erkennbar, zumindest im Fluss.
Zunächst nehme ich mir den Abschnitt vor, in dem ich damals im Winter schon Hechte fing. Dabei konzentriere ich mich vor allem auf das eigene Ufer, auf kleine Lücken im Schilf, winzige Buchten mit ruhigem Wasser oder besonders vielen Pflanzen. Die etwas tiefer ausgespülten Außenkurven, in die die Strömung kräftig presst, lasse ich bewusst außen vor. Dort könnte man zwar gut mit einem Gummifisch am Bleikopf jiggen, würde dabei aber eher einen Lachs als einen Hecht erbeuten. Deshalb sind Wobbler und Swimbaits ohne Tauchschaufel meine erste Wahl. Köder, die man kurz stehen lassen und zupfen kann, wenn sie in einer kleinen Lücke angekommen sind. Nur zu gerne schießen Hechte nämlich aus dem Uferbereich auf die Köder zu. Wer diesen dann zu schnell heraushebt, bekommt zwar eine spektakuläre Szene zu sehen, fängt den Fisch aber nicht. Und unter uns: Wer sich den Film zu diesem Artikel bereits angeschaut hat, darf jetzt schmunzeln. Denn von diesen Bissen versemmle ich auch einige an der Treene. Das gehört zum Hechtangeln einfach dazu.

Besser gegen Mittag
Der Angeltag plätschert also vor sich hin, während ich verschiedene Wobbler möglichst präzise am Ufer präsentiere. Aber außer einer sehr zaghaften Attacke passiert nichts. Ich sage es ja immer wieder: Frühes Aufstehen lohnt einfach nicht. Aber Spaß beiseite, denn damit hatte ich ein wenig gerechnet. In den letzten Tagen wehte vor allem nachts noch ein recht kühler Nordwind, der den flachen Oberlauf um mehrere Grad abkühlt. Hechte mögen aber im Frühjahr durchaus etwas Temperatur und werden in flachen Gewässern dann häufig erst im Tagesverlauf aktiver.
So auch hier: Ziemlich genau gegen Mittag sehe und höre ich einen Hecht auf der anderen Uferseite rauben. Die Fresszeit ist eingeläutet. Da ich gerade auf der falschen Flussseite stehe (in der Außenkurve), muss ich den Köder hinüber werfen, was im schmalen Oberlauf kein großes Problem darstellt. Der Hecht reagiert auch sofort und schießt auf den Wobbler - hängt aber nicht. Nur zehn Meter weiter bekomme ich eine weitere Chance, auch dort schießt ein Hecht aus dem Ufer auf den Köder zu und hängt kurz, steigt jedoch aus. Was für ein Pech. In so einem Fall hilft es, wenn man den Platz kurz ruhen lässt und in etwa 20 oder 30 Minuten zurückkehrt und ihn mit einem anderen Köder nochmal befischt.


So auch hier: Beim zweiten Durchgang beißt der erste Oberlauf-Hecht des Tages erneut, nur auf einen kleineren Köder. Bemerkenswert ist, dass wir später einen Umweg machen, um diese Innenkurve von der anderen Seite aus zu befischen. Ich bin selbst überrascht, wie flach es dort ist: nur etwa 30 Zentimeter. Kein Wunder also, dass sich vorher jeder Biss mit Bugwelle angekündigt hat.
Ein paar Kurven stromab hakt Se-bastian einen großen Hecht in einer aussichtsreichen Kurve vorm Ufer. Der Fisch stürmt wie wild kreuz und quer durch die Seerosen und schafft es leider, den Haken abzuschütteln. In dieser Kurve bekommen wir zwar noch zwei weitere Bisse, landen aber keinen davon.
Mittlerweile haben wir viele Kilometer des Oberlaufs abgefischt, aber nur an zwei Plätzen überhaupt Hechtbisse erhalten. Damit haben wir gerechnet. Die Masse ist im Oberlauf eher weniger zu erwarten. Viele Strecken sind hechtleer. Dafür gibt es durchaus Plätze, an denen man gleich mehrere Bisse in kurzer Zeit bekommen kann. Und eben die Chance auf einen Großfisch, der hier wahrscheinlich selten Köder sieht.

So ist es Jörg übrigens vor einigen Jahren ergangen, als wir einen Film über das Lachsangeln gedreht haben. Er fing noch weiter im Oberlauf zwischen zwei Weiden einen 1,05 Meter langen Hecht auf einen Spinner, im Jahr darauf sogar einen Hecht über 1,20 Metern auf eine Tubenfliege. Wer weiß, vielleicht ist ja auch Ihr Fluss-Oberlauf einen Versuch wert, und es wartet eine kapitale Überraschung auf Sie?

Autor: Birger Domeyer