20.10.2021
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10 Min

Praxis

So ticken Hechte im Freiwasser

Große Hechte lieben das Freiwasser, aber wussten Sie auch, dass man zum Saisonstart ebenfalls besser tief angelt als am Schilf? Von Birger Domeyer

So ticken Hechte im Freiwasser

Bild: Bastian Gierth

Diese Folge aus unserer Serie „So ticken Hechte“ ist eher zufällig entstanden. Denn eigentlich wollten Sebastian und ich am 1. Mai klassisch am Laacher See die flachen Buchten unsicher machen. Ein bisschen Spinnfischen und auch die Fliegenrute schwingen. Aber es biss nicht. Nicht schlecht, sondern gar nicht. Es schien irgendwie fischleer im Flachen, was für diese Jahreszeit eigentlich eher ungewöhnlich ist.

Also haben wir eine Runde in der Nähe der typischen Hechtbuchten gedreht und uns mit dem Ruderboot auch das tiefere Wasser erkundet. Ebenfalls zufällig hatten wir gerade das Garmin Panoptix-Echolot im Test, was wirklich tolle Bilder bis hin zu Einzelfischen ausgezeichnet darstellt. Und dieser Scan ergab, was doch häufiger vorkommt, als viele Angler es sich vorstellen: Die größeren Hechte haben das Laichgeschäft sehr schnell hinter sich gebracht und schwimmen bereits wieder im Freiwasser umher. Und das trotz des kalten Frühjahrs recht tief, also zwischen sechs und 16 Metern. Das klingt zunächst unlogisch, immerhin erwärmen sich die Buchten als Erstes, und das Laichgeschäft ist noch nicht lange her. Aber gerade größere Hechte sind gnadenlos. Sie laichen sehr kurz und sind dann sofort wieder an ihrer besten Futterquelle interessiert. Und das sind hier die Maränen, welche tagsüber tief im Freiwasser umherschwimmen. Um die zu erbeuten, nimmt der Hecht auch das kalte Wasser in der Tiefe auf sich und verlässt möglichst schnell die flachen Buchten.


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Hier steht ein Hecht in neun Metern Tiefe, während der Felchenschwarm deutlich tiefer schwimmt. Dieses Verhalten ist durchaus normal. Das starke Echo rechts neben dem Felchenschwarm ist leider nur ein altes Seil, das zu einer Boje gehörte. (Bild: Birger Domeyer)

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Dieser Hecht in etwa zwölf Metern Tiefe ignoriert den darüber gezupften Köder vollkommen - das ist gar nicht so selten. (Bild: Birger Domeyer)

Und weil die Bewegung des Planktons in der Nacht in Richtung Oberfläche im Frühjahr noch nicht so stark ausgeprägt ist, folgen auch die Maränen nicht nach oben. Und die Hechte leider auch nicht. Obwohl es also Mai ist, ähnelt so ein Saisonstart eher einer Winterangelei mit trägen, tief stehenden Räubern. Das ist zugegeben nicht so mein „Ding“, aber am 1. Mai als Schneider heim zu gehen wiederum auch nicht.

Gezielt auf Große

Also haben wir schnell die Spinnruten zum Freiwasserangeln mit dem Echolot umfunktioniert und recht große No-Action-Shads im Maränendekor mit schweren Bleiköpfen montiert. Damit lassen sich die Freiwasserhechte auch vom Ruderboot aus gezielt anwerfen, beziehungsweise man lässt den Köder einfach absinken, wenn ein Fisch direkt unter dem Boot auftaucht.


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Große Köder in bläulichen Naturdekors sind sehr gut für Gewässer mit einem Felchenbestand. (Bild: Birger Domeyer)

Wer jetzt ein Großfisch-Beißorchester erwartet, den muss ich enttäuschen Zwei Erkenntnisse sind nämlich zunächst auffällig: Die Hechte stehen recht geballt auf kleinem Raum. An diesem Tag zum Beispiel nahe einer Steilwand über etwa 25 Metern und dort auf halber Wassertiefe. Nach einer ganzen Weile des Herumfahrens haben wir auch den Grund dafür gefunden: Maränenschwärme. Diese kreuzten ebenfalls in dem Areal umher, jedoch noch deutlich tiefer. Auf dem Panoptix habe ich sogar einen Hecht gesehen, der in so einen Maränenschwarm geschossen ist, und zwar von oben nach unten. Das hielt ich bis dato immer für untypisch, habe dieses Jagdverhalten in den nächsten Wochen aber häufiger gesehen. Moderner Technik sei Dank.

Die zweite Erkenntnis: Gerade die größeren Hechte beißen extrem schlecht und reagieren teilweise überhaupt nicht auf den Köder. In dem etwa vier Grad kalten Tiefenwasser scheint der Stoffwechsel recht niedrig zu sein, die Beißzeiten entsprechend kurz. Trifft man diese nicht, reagieren vor allem die Kapitalen nur sehr zögerlich auf Angebote, wie in dem Film zu diesem Artikel auch zu sehen ist. Wann genau die höhere Aktivitätsphase ist, kann ich ebenfalls nicht konkret beantworten. Manchmal war das eher morgens der Fall, dann wiederum nachmittags. Hechte folgen leider keinem so engen Muster wie etwa Zander, die auf gewisse Lichtverhältnisse warten. Sprich: Man kann den ganzen Tag über mit einem Biss rechnen, muss aber auch lange Durststrecken in Kauf nehmen.


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Manchmal funktionieren auch kleine Köder für große Hechte sehr gut, hier ein Mikatech Real Shad in zwölf Zentimetern am 20-Gramm- Tungsten-Kopf. (Bild: Birger Domeyer)

Anwerfen geht besser

Normalerweise funktioniert das pelagische Vertikalangeln ja so, dass man das Boot direkt über dem (hoffentlich wenig schwimmenden) Fisch parkt und dann einen Köder ablässt. Mit dem Panoptix und ähnlichen modernen Live-Echoloten hat man aber noch eine weitere Option: Bei ihnen strahlt der Kegel nach vorne, man kann den Fisch also auch anwerfen und muss dafür das Boot nicht direkt über dem Fisch parken. Das klingt jetzt simpel, ist mit einem Ruderboot aber nicht allzu einfach zu bewerkstelligen. Jedoch ist klar zu merken, dass das Boot eine ordentliche Scheuchwirkung hat, wenn man damit Fische überfährt. Bei Maränen sehr viel deutlicher ausgeprägt, bei Hechten zum Glück etwas weniger.


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Hier, dichter dran, erkennt man die Haken, das Vorfach und so ziemlich jedes Detail. Da kann ein satter, großer Hecht schon mal misstrauisch werden! (Bild: Birger Domeyer)

Köder durchprobieren

Sehr unterschiedlich sind auch die Reaktionen der Hechte auf verschiedene Köder. Im glasklaren Natursee sind Hechte natürlich sehr viel wählerischer als in trüben Gewässern. Gut funktionierten No-Action-Shads in dezenten Blautönen, die in Form und Größe den Maränen sehr ähnlich sind, wie etwa der Pelagic-Shad von Quantum. Interessanterweise fingen aber häufig auch recht kleine Action-Shads im Barschdekor gut, die ich am 20- oder 25-Gramm-Tungsten-Kopf in die Tiefe geschickt habe. Ob es dort unten auch Minibarsche gibt? Keine Ahnung. Aber wenn es funktioniert, ist es mir recht.

Direkt am ersten Tag der Saison konnten wir so zwei Hechte von etwa 90 Zentimetern Länge fangen, kurz darauf am Drehtag immerhin noch zwei etwas kleinere um 80 Zentimeter Länge. Das klingt jetzt nicht besonders gut, aber wenn man bedenkt, dass die Angler am Schilf eher Hechte um 50 Zentimeter als Durchschnittsgröße erbeuteten, war das Freiwasserangeln die deutlich bessere
Alternative.


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Auf diesem Bild ist der Köder weit weg und nur eine schwarze Silhouette. (Bild: Birger Domeyer)

Diese tief stehenden Hechte habe ich eine ganze Weile „verfolgt“ und bis etwa Juni regelmäßig darauf gefischt. Auffällig war, dass ein bestimmtes Areal immer von mehreren Hechten bewohnt wird und dann für einige Tage interessant ist. Danach ändern sich wieder die Bereiche, in denen die Räuber stehen.

Wird das Wasser langsam wärmer, findet man auch in der oberen Wassersäule Hechte, manchmal sogar direkt unter der Oberfläche. Erst als das Kraut Mitte Juni deutlich zugenommen hat, waren auch weniger Freiwasserhechte am Laacher See auszumachen, weil wahrscheinlich viele Hechte dann den Unterstand am Ufer bevorzugen.

Fakt ist, dass ich mir auch im nächs­ten Frühjahr, wenn die Ufervegetation noch gering ausgeprägt ist, die tieferen Wasser anschauen werde. Dort warten dann sicherlich einige kapitale Überraschungen.


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Wenn man sich am Futterfisch orientiert, liegt man nie falsch. Dieser Hecht hat sich ein Maränen-Imitat geschnappt. (Bild: Birger Domeyer)

Sehr häufig schwimmen Hechte recht schnell zum angebotenen Köder, stoppen aber kurz davor und drehen dann in letzter Sekunde ab. Aber warum ist das so? Zum einen sind Hechte, wie viele andere Fische, kurzsichtig. Sie sehen also aus mehreren Metern Distanz lediglich eine Silhouette und schwimmen, manchmal vielleicht auch aus Neugier, darauf zu. Sind sie dicht genug dran, erkennen sie möglicherweise auch Details in unserer Montage, also Vorfach, Haken, die Farbe und eine eher unechte Bewegung - und entdecken den Trick. Ich glaube, dass nur ganz gierige Freiwasserfische tatsächlich beißen. Deshalb gilt es, die ganze Montage so unauffällig wie möglich zu gestalten. Schauen Sie sich dazu die Fotos des Köders von unten an, die wir mit einer Unterwasserdrohne gemacht haben, also aus Sicht des Hechtes. Sehen Sie jetzt auf PareyGo, wie spannend es sein kann, einzelne große Fische im Natursee hinter dem Köder herschwimmen zu sehen. 

Autor: Birger Domeyer