Praxis
So ticken Hechte: das perfekte Vorfach
Ein Zielfisch und so viele Möglichkeiten: Wer das Optimum aus seinen Hechtködern herausholen möchte, sollte sich mit Stahl, Titan und Hardmono gleichermaßen beschäftigen.

Bild: Sebastian Endres

Mit Stahl klein und tief
Der Klassiker unter den Hechtvorfächern ist ein Material aus geflochtenem Stahldraht. Ob nun ummantelt, 1x7 oder 7x7 geflochten, ist zunächst nicht entscheidend, denn die Eigenschaften beim Fischen sind bei allen Varianten etwa gleich. Der Stahldraht ist relativ weich, bei hoher Reißfestigkeit dünn und mit Quetschhülsen gut zu verarbeiten. Knoten lässt er sich dagegen nicht, weil er dafür leider eine typische Eigenschaft aufweist: Er kringelt gerne. Und darin liegt auch schon die Einschränkung in der Praxis. Stahlvorfächer treiben einen Angler in den Wahnsinn, wenn man Köder fischt, die sich gerne überschlagen. Das erzeugt nämlich auch diese Kringel im Vorfach, die sich nicht nur negativ auf die Köderaktion, sondern auch auf die Tragkraft auswirken. Fischt man ein gekringeltes und geknicktes Vorfach einfach weiter, ist die Chance groß, dass das Material beim nächsten harten Biss bricht. Der Hecht geht dann verloren. Deshalb verwende ich Stahlvorfächer nur gerne bei Ködern, die wenig verwickeln, wie etwa Gummifischen. Außerdem sind sie durch ihren geringen Durchmesser gut für das Angeln bei starker Strömung oder in tieferen Bereichen, in denen ich guten Köderkontakt halten möchte. Ein weiterer guter Aspekt: Stahl ist pro Meter recht preiswert, bei Abrissen in hängerreichem Terrain ist es ebenfalls im Vorteil. Wer also zum Beispiel mit Gummifischen eine tiefe Kante im See befischt oder Flussbuhnen nach Hechten mit dem Gummifisch abjiggt, der wird mit einem Stahlvorfach sehr gut bedient sein. Ich selbst bevorzuge dafür eigentlich ausschließlich weiches 7x7-Material mit etwa zehn Kilo Tragkraft.

Titan für Tüddelköder
Nicht jede Situation ist aber mit dem Gummifisch lösbar, oft stehen Hechte im Flachwasser, wo ein Wobbler oder mehrteiliger Swimbait klar besser funktioniert. Wären da nicht diese ganzen Drillinge, die sich nur zu gerne beim Wurf im Vorfach verfangen und es kringeln ...
Die Lösung dafür lautet: Titan. Das Wundermaterial ist nicht nur absolut bissfest, sondern kringelt auch fast gar nicht. Nach etlichen Überschlägen des Köders oder gedrillten Hechten sieht es noch so aus wie frisch aus der Verpackung. Robust, bissfest, also perfekt? Leider nicht ganz. Denn Titan hat auch seine Schwächen. Es ist steifer als Stahl und beeinflusst besonders leichte und empfindliche Köder etwas im Laufverhalten.

Bei gleicher Tragkraft ist es auch dicker und damit auffälliger als Stahl. Und es mag keine Schockbelastungen. Also große Köder, die in der Luft abrupt gestoppt werden, knallharte Bisse vor
den Füßen oder saftige Anhiebe mit der schweren Bigbait-Rute. Die Kraftspitzen, die dabei entstehen, verträgt das Material Titan nicht gut und es bricht dann eventuell unvermittelt. Auch muss auf eine absolut saubere Verarbeitung mit Quetschhülsen geachtet werden: Die Oberfläche von Titan ist sehr glatt. Deshalb muss die Quetschhülse exakt passen und bereits beim zweifachen Durchführen des Titans stramm sitzen. Dann hält die Quetschung auch gut.

Neben dem bereits lange vorhandenen, einfädigen Titan gibt es auch mittlerweile geflochtene Titanvorfächer. Diese bestehen oft aus sieben feinen Litzen, die zu einem Strang verflochten sind. Dadurch wird das ganze Vorfach etwas weicher, aber die Einzellitzen sind auch recht empfindlich und brechen regelmäßig. Ich setze dieses Material nur selten zum Hechtangeln ein, sondern nutze es eher beim feinen Barschfischen mit Twitchbaits. Bei dieser Angelei entstehen nur selten die gefürchteten Kraftspitzen. Für mittelgroße Wobbler, Swimbaits oder auch Streamer an der Fliegenrute nutze ich meistens einfädiges Titan mit etwa elf bis 13 Kilo Tragkraft.
Hardmono fürs Grobe
Fahren wir die großen Geschütze auf: Gummifische in der 25- oder 35-Zentimeter-Klasse, Bucktail-Untiere wie die Miuras-Mouse oder riesige Spinner. Köder, die viel Gewicht mit sich bringen - und oft auch riesige Hechte. Wenn man diese schweren Kaliber auswirft und abstoppt, fliegt einem spätestens das zehn-Kilo-Stahl um die Ohren. Oder wenn der 1,20 Meter lange Hecht direkt vor dem Boot unter der Rutenspitze beißt und wie ein Berserker um sich schlägt. Momente, in denen ein Titanvorfach sicher kapituliert.

Dafür brauchen wir etwas Grobes: Hardmono oder Fluorocarbon. In Durchmessern ab 0,80 oder besser 0,90 Millimetern hält es dem Abrieb durch Hechtzähne stand. Ja, theoretisch kann ein Hecht mit seinen Zähnen das Material durchbeißen, weil der Zahn eine höhere Dichte als Hardmono oder Fluorocarbon hat. Das ist aber nur die Theorie. Dem entgeht man mit den dicken Durchmessern sehr sicher. Ganz sicher ist aber kein Materialbruch durch die Schockbelastungen beim Angeln zu verzeichnen, wie es bei den Metallvorfächern leider hin und wieder passiert. Wenn man
jetzt ein ganzes Jahr betrachtet und alle Hechtkontakte zusammenrechnet, würde ich mit Sicherheit sagen, dass man weniger Abbisse bei einem sehr dicken Fluorocarbon verzeichnet als
Abrisse durch Materialermüdung und Schockbelastung bei Metallvorfächern.

Deshalb hat Fluorocarbon absolut seine Berechtigung beim Hechtangeln. Zudem ist es transparent und leicht zu verarbeiten: Es kann einfach geknotet werden, man benötigt nur einen Einhänger für den Köder, mehr nicht. Keine Wirbel, No-Knots oder sonstigen Teile, die man ja auch kaufen müsste. Es ist in den sicheren Durchmessern allerdings sehr steif und deshalb auch nur für große Köder geeignet. Oder eben solche, die viel Druck ausüben und das Vorfach etwas glätten, wie zum Beispiel Spinnerbaits. Zum Jiggen am Grund würde ich es nicht einsetzen, weil die große Oberfläche des dicken Materials den Wasserwiderstand erhöht und damit den Köderkontakt verringert, je vertikaler die Schnur ins Wasser sticht. Oberflächennah oder im Mittelwasser eingeleierte Großköder sind eher das Ziel-Klientel für diese Art Vorfach.

Ganz wichtig: Das Hardmono oder FC muss von hoher Qualität und darf keinesfalls mit Monofil gemischt sein. Dann wird es zu weich und kann sogar in hohen Durchmessern gut von Hechten durchgebissen werden. Hier würde ich also nur auf namhafte Hersteller zurückgreifen.
Sehen Hechte Vorfächer überhaupt?
Natürlich ist bei der Entscheidung für ein Vorfach auch die Sichtbarkeit entscheidend. Nun würde ich Hechte nicht als besonders vorfachscheu betrachten, aber misstrauischer als etwa Zander sind sie allemal, zumal Hechte häufig in klaren Gewässern vorkommen. Deshalb rate ich stets dazu, ein Vorfach zwar bissfest, aber nie unnötig grob zu gestalten. Dazu gehören auch Kleinteile wie lange Wirbel, Ringe, No-Knots und sonstige glänzende Metallteile. Wenn sie nicht benötigt werden, würde ich sie immer weglassen.

Autor: Birger Domeyer